Was Googles Universal Commerce Protocol für die Zukunft des B2B-Commerce bedeutet
Das Universal Commerce Protocol (UCP) wurde entwickelt, um den Online-Handel im Konsumgüterbereich neu zu gestalten. Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch weniger im Retail-Einsatz selbst als in dem Signal, das es für die Zukunft des B2B-Einkaufs aussendet.
Google hat UCP als Grundlage für agentengetriebenen Commerce im Online-Retail eingeführt. Ziel ist es, zu standardisieren, wie Produkte von KI-gestützten Agenten – etwa Gemini – gefunden, verglichen und gekauft werden.
Für den B2B-Commerce liegt die Herausforderung dabei nicht im agentengestützten Einkauf an sich, sondern in der Lücke zwischen dem, was UCP heute unterstützt, und der Komplexität, die B2B-Geschäftsmodelle erfordern.
Wer sich ausschließlich darauf konzentriert, was UCP heute noch nicht leisten kann, übersieht jedoch das größere Bild.
UCP ist keine sofort einsetzbare Lösung für den B2B-Commerce – aber ein klarer Hinweis darauf, wohin sich die Orchestrierung von Kaufprozessen entwickeln könnte, wenn KI-Agenten zu eigenständigen Akteuren in kommerziellen Transaktionen werden.
Warum UCP heute nicht zum B2B-Commerce passt
UCP wurde für agentengestützte Verkäufe im Online-Retail konzipiert – einem Umfeld, in dem Kaufprozesse schnell, transaktional und auf standardisierte Produktangebote ausgerichtet sind, nicht auf verhandelte Geschäftsbeziehungen.
In seiner aktuellen Form unterstützt UCP zentrale Anforderungen des B2B-Commerce nicht, darunter:
- unternehmensbezogene Identitäten und Account-Hierarchien
- vertragsbasierte Sortimente und kundenspezifische Preislogiken
- gesteuerte Einkaufsprozesse (Freigaben, Richtlinien, PunchOut, EDI)
- Abwicklungsmodelle auf Basis von Bestellungen, Rechnungen, Zahlungszielen und Kreditlimits
Diese Elemente sind grundlegend für den B2B-Commerce und typischerweise in ERP-, Beschaffungs- und Finanzsystemen verankert.
Da UCP diese Ebene derzeit weder abbildet noch integriert, ist es heute nicht in der Lage, B2B-Einkäufe über isolierte, nicht gesteuerte Transaktionen hinaus zu unterstützen.
Welches Potenzial agentischer Commerce für B2B entfalten könnte
Auch wenn die aktuelle Version von UCP der vollen Komplexität des B2B-Commerce noch nicht gerecht wird, eröffnet das zugrunde liegende agentische Paradigma strukturelle Potenziale, die bei entsprechender Weiterentwicklung von Protokoll und Ökosystem transformativ wirken könnten.
Autonome Beschaffungsagenten über Lieferanten hinweg
Man stelle sich eine Beschaffungsumgebung vor, in der die zeitintensivsten B2B-Aufgaben – Lieferantenvergleich, Preisverhandlungen, Bestellabwicklung – von KI-Agenten im Auftrag von Unternehmen übernommen werden.
In einer zukünftigen Ausprägung des agentischen Commerce könnte:
- ein unternehmensinterner Beschaffungsagent über UCP mehrere Lieferanten mit einer einzigen Anfrage adressieren und dabei authentifizierte Unternehmensdaten übermitteln, um vertragsbasierte Konditionen abzurufen
- jeder Lieferant in Echtzeit mit Verfügbarkeit, verhandelten Preisen und Lieferbedingungen reagieren, die an das Profil des Käufers gebunden sind
- der Agent Alternativen vergleichen, Kosten und Verfügbarkeit abwägen und die besten Optionen zur menschlichen Freigabe vorschlagen
So würden bislang isolierte Lieferantenportale zu einer normalisierten Discovery- und Beschaffungsschicht zusammengeführt.
Automatisierte Nachbestellung und Orchestrierung der Lieferkette
In klassischen B2B-Prozessen beruhen Nachbestellungen häufig auf manueller Überwachung oder starrer, systeminterner Automatisierung. Agentischer Commerce eröffnet hier neue Möglichkeiten:
- IoT-fähige Systeme (z. B. intelligente Regale oder Sensorsysteme in der Produktion) erkennen sinkende Bestände und initiieren automatisch einen Beschaffungsvorgang
- ein KI-Agent, der über UCP kommuniziert, kann die gesamte Transaktion abwickeln, ohne individuelle Integrationen zu den APIs einzelner Lieferanten
- durch die Standardisierung der Commerce-Schnittstelle lassen sich Transaktionen konsistent über verschiedene Anbieter hinweg ausführen
Dies entspricht aktuellen Entwicklungen im Bereich KI-gestützter Verhandlung und autonomer Transaktionsabwicklung in der Beschaffung, auch wenn sich die Forschung bislang stärker auf datenschutzwahrende Verhandlungsmodelle konzentriert als auf konkrete Commerce-Protokolle.

Intelligente Angebots- und Vertragsprozesse
Der klassische B2B-Commerce ist stark von manuellen Angebots- und Verhandlungszyklen geprägt. Die Kombination aus agentischer KI und standardisierten Commerce-Protokollen könnte diese Prozesse grundlegend verändern, indem:
- Agenten Angebote verschiedener Anbieter über eine gemeinsame semantische Ebene anfragen und vergleichen
- strukturierte Angebote zurückgegeben werden, die Agenten bewerten, unter Nebenbedingungen analysieren und sogar hinsichtlich möglicher Verhandlungsergebnisse simulieren können
- menschliche Review- und Freigabeschritte gezielt eingebunden bleiben, angebunden an bestehende Beschaffungssysteme
Dies deckt sich mit übergreifender Forschung zu KI-gestützten Verhandlungsprozessen im B2B-Umfeld, bei denen Agenten vorfiltern, verhandeln und nur bei Bedarf eskalieren.
Mehrstufige Zahlungs- und Abwicklungsmodelle
Aktuell unterstützt UCP moderne Zahlungsmethoden wie Wallet-Tokens oder Kreditkarten – ausreichend für den Retail-Checkout. Der B2B-Commerce erfordert jedoch deutlich komplexere Zahlungslogiken:
- Bestell- und Rechnungsprozesse
- Zahlungsziele, Kreditlimits, Teil- und Meilensteinzahlungen
- Integration in buchhalterische und ERP-basierte Abrechnungssysteme
Eine Zukunft, in der agentische KI im B2B-Commerce erfolgreich ist, könnte Commerce-Protokolle umfassen, die:
- Bestellnummern und Freigabelogiken als Bestandteil der Transaktion abbilden
- verzögerte Abrechnung über Tokens ermöglichen, die zukünftige Rechnungsbedingungen repräsentieren
- Anknüpfungspunkte für Finanz- und Compliance-Workflows bieten, sodass Agenten Transaktionen initiieren können, während Kreditprüfung, Abstimmung und Governance in Back-Office-Systemen erfolgen
Dies entspricht der verbreiteten Auffassung, dass agentische Zahlungssysteme ein Gleichgewicht zwischen Autonomie, Kontrolle und Auditierbarkeit erfordern.
Daten werden zur primären Schnittstelle
In einem agentengestützten Commerce-Modell verändert sich die Art des Einkaufs grundlegend. Menschen browsen nicht mehr – Agenten stellen Anfragen.
Damit werden Daten zur primären Schnittstelle zwischen Anbieter und Käufer.
Wenn KI-Agenten Produkte finden, Lieferanten vergleichen und Transaktionen anstoßen, verlieren visuelle Gestaltung, Navigation und persuasive Inhalte an Bedeutung. Entscheidend ist, ob ein Agent die gelieferten Daten verstehen, bewerten und ihnen vertrauen kann.

Warum Datenqualität wichtiger wird als je zuvor
Der B2B-Commerce ist bereits heute stark datengetrieben. Agentischer Commerce erhöht die Anforderungen nochmals deutlich.
Für KI-Agenten müssen Produkt- und Geschäftsdaten:
- vollständig
- konsistent
- strukturiert
- maschinenlesbar
sein.
Jede Unschärfe erzeugt Reibung. Jede Inkonsistenz ist ein Grund, den Anbieter zu überspringen.
Agenten verhandeln nicht über fehlende Attribute oder unklare Verfügbarkeiten. Sie wählen schlicht andere Lieferanten.
Von „nice to have“ zu einem Wettbewerbsfaktor
Im agentischen B2B-Kontext verschiebt sich der Wettbewerbsvorteil hin zu Unternehmen, die:
- saubere, strukturierte Produktdaten bereitstellen
- stabile Identifikatoren über ERP, MDM, PIM und Commerce hinweg nutzen
- präzise Verfügbarkeits- und Lieferzeitsignale liefern
- Preise und Konditionen programmgesteuert interpretierbar machen
Es geht dabei nicht um vollständige Transparenz nach außen, sondern um die Fähigkeit, auf authentifizierte Anfragen von Agenten mit präzisen und vertrauenswürdigen Daten zu reagieren.
Die unterschätzte Rolle von MDM- und ERP-Fundamenten
Hier stoßen viele B2B-Organisationen an ihre Grenzen. Agentischer Commerce toleriert keine:
- duplizierten Produktstammdaten
- inkonsistenten Mengeneinheiten
- fragmentierten Preislogiken
- lose synchronisierten Bestandsdaten
Was früher interne Hygieneprobleme waren, wird zu einem externen Entscheidungsfaktor.
Können Agenten Daten systemübergreifend nicht eindeutig zusammenführen, werden Anbieter faktisch unsichtbar.
In diesem Sinne sind Master Data Management und ERP-Integration keine reinen Back-Office-Themen mehr. Sie werden zu geschäftskritischen Umsatztreibern.

Fazit
UCP wird den B2B-Commerce nicht über Nacht verändern. Dafür ist es heute nicht in der Lage, die vertragliche, prozessuale und finanzielle Komplexität abzubilden, die B2B-Geschäftsmodelle prägt.
Dennoch ist es ein klares Signal für die Richtung des Marktes.
Wenn Kaufentscheidungen zunehmend an KI-Agenten delegiert werden, verändern sich die Spielregeln des Wettbewerbs.
Wenn Agenten einkaufen:
- sind Datenfeeds wichtiger als Frontends
- zählt Struktur mehr als Storytelling
- entscheidet Datenqualität über Sichtbarkeit
In diesem Kontext wird Datenmanagement zu einer Form von Marktzugang.
Das bedeutet nicht, dass B2B-Organisationen ihre Beschaffungsprozesse heute auf UCP ausrichten sollten. PunchOut, EDI und etablierte Procurement-Plattformen werden auf absehbare Zeit relevant bleiben.
Was jedoch jetzt sinnvoll ist, ist Vorbereitung.
B2B-Entscheider sollten sich darauf konzentrieren:
- Produkt-, Preis- und Verfügbarkeitsdaten zu prüfen und zu bereinigen
- Identitäten, Berechtigungen und Verträge konsistent zu modellieren
- individuelle, fragile Integrationen zu reduzieren, die Automatisierung behindern
- die Entwicklung agentischer Standards und Protokolle eng zu verfolgen
UCP ist kein Fahrplan. Es ist ein früher Indikator für einen strukturellen Wandel.
In einer durch agentischen Commerce geprägten Zukunft werden nicht die Unternehmen gewinnen, die die eindrucksvollsten Storefronts besitzen, sondern jene, deren Daten, Regeln und Systeme von Maschinen verstanden – und als vertrauenswürdig eingestuft – werden.
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